Der Traum vom Gesang

Als Kind hatte Birgit Nilsson eine Sehnsucht nach etwas anderem als der Arbeit auf dem Hof. Die Musik war immer in ihren Gedanken, und sie träumte davon, Sängerin zu werden. Sie hatte gehört, dass ein Wunsch wahr wird, wenn man einen Stern sieht, der vom Himmel fällt. Jedes Mal, wenn sie eine Sternschnuppe sah, verneigte sie sich daher und äußerte ihren Wunsch.

pageImage

Privatfoto. Fotograf unbekannt.

pageImage

Musiklehrer Ragnar Blennow in Åstorp, Schweden. Privatfoto.

pageImage

Birgit tritt an der Schule in Ljungskile auf. Privatfoto.

Knecht Otto war der Erste, der Birgits Interesse an Gesang und Musik förderte. Als sie vier Jahre alt war, gab er ihr ein Spielzeugklavier, „so groß wie eine Zigarrenschachtel mit einer Oktave in C-Dur.“ Das Interesse wuchs und Birgit begann, auf der Orgel im Nachbarhof zu üben. Ihr Vater wollte nicht, dass sie die Nachbarn störe, deshalb kaufte er eine Orgel für das Haus in Svenstad. „Als mein Vater mit der Orgel zurückkam, warf ich mich aufs Sofa, presste das Gesicht gegen das Kissen und traute mich lange Zeit nicht, aufzusehen, denn ich dachte, ich träume“, schrieb Birgit Nilsson in ihren Memoiren 1995.

Erster öffentlicher Auftritt

Birgits erster öffentlicher Auftritt fand statt, als sie als Sechsjährige die Möglichkeit hatte, auf der Weihnachtsfeier der Nachbargemeinde zu singen. Sie trug ein weißes Seidenkleid und eine große Schleife im Haar. Da die Orgel kaputt war, stellte sich Birgit auf einen Sessel und sang ein freches Volkslied, das ihr der Knecht beigebracht hatte. Es gab großen Applaus.

Klavierstunden, Chorgesang und Ragnar Blennow

Als Birgit 14 Jahre alt war, begann sie, Klavierunterricht zu nehmen. Bald darauf wurde sie Mitglied der Kirchenchöre in Västra Karup und Båstad und trat einer Amateurtheatergruppe im nahegelegenen Hovbacka bei. Dort hatte sie die Möglichkeit, zu singen und vor Publikum aufzutreten. Mit Hilfe des Kantors Albert Runbäck in Båstad gelang es Birgit Nilsson, mit dem Gesang- und Musiklehrer Ragnar Blennow in Åstorp Kontakt aufzunehmen. Blennow war engagiert worden, um einige der besten Stimmen im Chor weiterzuentwickeln. Nach einer Gesangsstunde sagte er zu ihr: „Das war sehr gut. Das Fräulein wird todsicher eine große Sängerin werden.“ An jenem Tag radelte Birgit wie auf Wolke sieben von dannen. Zu Hause rannte sie in den Hof und rief: „Man hat mich entdeckt! Ich werde eine berühmte Sängerin!“ Blennow erzählte später, dass Birgit einen sehr starken Eindruck gemacht hatte, noch bevor sie überhaupt zu singen begonnen hatte. Er hatte schnell verstanden, dass ihre Stimmressourcen außergewöhnlicher Natur waren. Birgit begann als Gesangsschülerin bei Blennow 1939 mit einer kurzen Unterbrechung durch einen Aufenthalt an der Volkshochschule in Ljungskile während dieser Zeit. Sie übten fleißig Romanzen und Arien. 1941 bewarb sie sich, ermutigt durch Blennow, für die Aufnahmeprüfung an der Königlichen Musikalischen Akademie in Stockholm.

Nach Stockholm...

Zuhause herrschte bedrückte Stimmung vor Birgits Aufbruch in die Hauptstadt Stockholm. Ihr Vater wollte nicht, dass sie abreist. Er hatte gehofft, dass sie am Hof bleiben und nach und nach die Arbeit dort übernehmen würde. Birgit war sich lange Zeit nicht sicher, was die richtige Entscheidung war. Sie war ihrer Heimat sehr verbunden und wollte ihren Vater nicht enttäuschen oder betrüben. Den Ausschlag für Birgit gab ein Paar, das unerwartet an den Hof kam. Als die Zwei vor einem Regenguss Schutz suchten, wurden sie zum Kaffee eingeladen, und Birgit unterhielt sie mit Gesang. Sie sang „Elisabeths Gebet“ aus dem Tannhäuser. Die beiden Gäste standen mit offenen Mündern da. Als Birgit von ihren Gesangsplänen an der Musikalischen Akademie erzählte, boten sie ihr an, bei ihnen in Stockholm zu wohnen. Birgits Vater beharrte auf dem Standpunkt, dass sie keine finanzielle Hilfe erhalten solle, falls sie gehe. Aber ihre Mutter wünschte sich, dass ihre Tochter ihre Träume verwirklichen können solle. Deshalb gab sie Birgit Geld aus einem Erbe, über das sie selbst verfügte. Als der Abreisetag gekommen war und Birgit nach Stockholm fahren sollte, war Nils in seiner Verzweiflung von zu Hause weggegangen. Während ihrer Zeit in Stockholm schrieb Birgit fleißig mit ihrer Mutter Briefe. Justina machte sich Sorgen um Birgit in der großen Stadt. Sie befürchtete, dass ihre Tochter frieren könnte, nichts Ordentliches essen würde, oder dass ihr etwas Schlimmes zustoßen könnte. Justina erinnerte sie auch daran, mit beiden Füßen am Boden zu bleiben. „Werde nicht hochnäsig!“, schärfte sie ihr ein. An diese Worte sollte sich Birgit Nilsson ein Leben lang erinnern.